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Wenn die Netzhaut zu dick wird

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Tatsächlich sitze ich nach einem sehr entspannten Silvesterabend mit meinem Mann nun vor meinem Rechner und starre auf den Bildschirm. So, wie ich es in der Vergangenheit unglaublich oft gemacht habe.

Kennt ihr das Gefühl, wenn mit den Jahren die Augen manchmal schwerfällig werden? Man sieht hoch und braucht einen Augenblick, um etwas Entfernteres wieder scharf zu sehen. So geht es mir.

So oft, wie ich auf das Handy oder im Büro auf den Monitor gestarrt habe, so habe ich um so seltener auf andere Dinge gesehen. Dinge, die weiter weg sind, Dinge, die klein sind, Dinge, die schön sind.

Meine Augen signalisieren mir sehr deutlich, dass es ihnen nicht gut tut. Und auch mir tut es nicht gut.

Manchmal habe ich das Gefühl, als hätten sich die ganzen Buchstaben und Bildchen in meine Netzhaut eingebrannt.

 

Netzhaut… Eigentlich ist damit ein Teil unseres Auges gemeint, aber irgendwie kann man den Begriff auch ausdehnen auf uns selbst, denn die Haut ist das größte Organ des menschlichen Körpers. Wir empfinden viel über unsere Haut. Kälte, Wärme, Schmerz, Kribbeln, Wohlbefinden.

Wenn ich jetzt von Netzhaut spreche, dann sehe ich sie als eine Metapher für unser Ganzes. Unser Empfinden in der modernen digitalen Welt. Früher sagte mir einmal Jemand in einem Forum, in dem es in einer Diskussion ziemlich heftig zuging: „Du musst dir im Netz eine dicke Haut zulegen.“ – Eine merkwürdige Aussage, nicht wahr? Dafür, dass das Netz so anonym und im Grunde alles weit weg ist.

 

Meine Netzhaut wurde mit der Zeit dicker, aber auch bei vielen Anderen. Und je dicker sie wurde, um so weniger empfand ich bei den ganzen geschriebenen Worten. Was anfangs sehr real schien, wurde nach und nach unwirklicher und weniger greifbar. Immer weniger berührte mich. Bis ich bemerkte, dass mich auch Nachrichten von Freunden weniger berührten. Die Worte kamen immer seltener wirklich bei mir an, denn ich sah auch eine Veränderung darin. Die Worte waren nebenbei formuliert, zwischen Fernsehen, Haushalt oder Arbeit. Mal eben dahingetippt, weil man mir kurz etwas mitteilen wollte, oder weil man einen lustigen Spruch irgendeiner Internetseite gefunden hatte, den man mir schnell schicken wollte, bevor man ihn im Ordner „lustige Sprüche“ mühevoll wieder hätte suchen müssen.

 

All das bekam ich während meiner Arbeit, spät abends, früh morgens am Wochenende oder sogar nachts. Also zu Zeiten, in denen man früher nirgendwo mehr geklingelt hätte, weil es sich nicht gehörte. Weil man die Privatsphäre des Anderen respektierte. Als ich das einmal anmerkte, bekam ich tatsächlich die Antwort, ich könne mein Handy doch auch lautlos schalten, wenn es mich stört. Ja, natürlich kann ich das. Aber dann würde ich etwas wirklich Wichtiges nicht mehr mitbekommen. Im Grunde wurde ich aufgefordert, die Rücksichtslosigkeit Derer hinzunehmen, die mir eigentlich gar nichts zu sagen hatten. Zu Lasten Derer, die mich vielleicht tatsächlich brauchten oder mir etwas zu sagen hatten. Ich empfinde das als unverschämt, ganz ehrlich. Gesagt habe ich dazu in dem Moment nichts, aber ich empfand einen großen Unwillen gegenüber diesen Menschen, die selbst gern darüber schimpften, wenn man sie, zum Beispiel bei der Arbeit, „störte“.

 

Nun scrolle ich mich durch Facebook und sehe die ganzen wunderbar bunten Neujahrswünsche, die überall geteilt werden. Viele davon irgendwo heruntergeladen oder geteilt, und keiner davon berührt mich. Auch die nett verzierten Bildchen mit Neujahrswünschen, die ich über WhatsApp erhalten habe, sagen mir so gar nichts, weil sie nicht von den Menschen selbst stammen, die ich eigentlich mag. Ich habe mir die Mühe gemacht, jeden einzelnen Gruß per Hand zu beantworten. Mit selbst geschriebenen Worten, ohne viele Smileys oder Bilder. Aber selbst formuliert, auf die einzelne Person gemünzt. Ich empfinde das als Respekt und Wertschätzung. Ob dies so ankommt, wage ich fast zu bezweifeln, denn ich habe mir ja nicht einmal Mühe gemacht, kleine Emojis herauszusuchen, die auf jeden Satz passen. Schlimm, oder? In Zeiten von „Tipp-soviel-du-willst-du-hast-ja-ne-Flat“ einfach nur zu sagen, was ich zu sagen habe, ist offenbar eine Frechheit. So wichtig können mir diese Menschen, denen ich so lieblos geantwortet habe, ja gar nicht sein.

 

Viel Sympathie wird mir dieser Beitrag vermutlich nicht bringen. So viel Text, so viel Geschwafel, hach, was hat sie denn nur wieder? Um Himmels Willen, ich scroll lieber weiter. Das dauert ja ewig, bis ich den gelesen habe. (Augenrollen, Schulterzucken, Kopfschütteln). Wir leben doch in einer modernen Zeit, sie sollte sich echt anpassen, so schwer ist es doch nicht. Ohne Netz geht es doch gar nicht mehr. Sei doch nicht so altmodisch, Mona. Stell dich nicht so an, es ist doch nur Facebook (oder Ähnliches). Bisher hattest du doch auch immer Spaß hier.

 

Hatte ich den? Ja, eine Weile. Bis ich merkte, dass Likes und Loves für Schwachsinn eher gegeben wurden als für Beiträge, die wirklich einen Sinn hatten. Ich habe es tatsächlich eine Weile bewusst getestet. Ob es Jemand gemerkt hat? Vermutlich nicht, denn wenn ich lustigen Blödsinn geschrieben habe, musste ich ja gerade wirklich gut gelaunt gewesen sein. Oder etwa nicht?

Nein, nicht immer. Manchmal tat ich es, um zu sehen, wer wirklich dahinter sieht. Das Ergebnis war ernüchternd bis erschreckend. Offenbar ist unser aller Netzhaut so dick geworden, dass nicht einmal die engsten Mitmenschen bemerken, ob etwas so gemeint ist wie es da steht. So lange ein lustiger Smiley die Worte verziert, kann auch der traurigste Satz nicht ernst gemeint sein. Beobachtet wurde ich dennoch, denn so wie die Reaktionen auf die ernsteren Beiträge oder Dinge, die für mich wichtig waren, fast vollständig ausblieben, erfolgten sie auf die Witze fast immer in kürzester Zeit. Oh, ein Witz, haha, like, Lachtränen-Smiley druntersetzen, weiterscrollen. Oh, Text, nicht zum lachen, weiterscrollen.

So wenig wie mich berührt, berühre ich offensichtlich auch Andere in dieser Bits-and-Bytes-Welt. Und deshalb steige ich an diesem Punkt nun aus.

 

Ich habe mir tatsächlich ein Adressbuch und einen Kalender gekauft, sowie Briefpapier, Umschläge und Briefmarken. Mein Festnetztelefon ist angeschlossen, unsere Klingel funktioniert. Ich bin gut vorbereitet auf die Menschen, die diesen Beitrag lesen und nicken. Für Emails bin ich auch noch zu haben, denn selbst diese formuliert man immerhin bewusst, weil es kein Echtzeit-Chat ist, in dem man auf den blauen Haken und eine schnelle Antwort wartet.

 

Es wird sicherlich stiller um mich herum, aber das ist nicht schlimm. Ich habe einen Mann, mit dem ich gern Zeit verbringe und diverse Hobbies. Oh, meinen Beruf nicht zu vergessen. Ein sogenannter 8-5-Job. (Meistens zumindest.) Ich werde mir ab heute ein ordentliches Netzhaut-Peeling gönnen. Wer dieses Peeling ausprobieren möchte, es tut wirklich gut. Man fühlt sich wieder frisch und rubbelt diese ganze Sprüche-Like-Hornhaut ab. Vielleicht fröstelt man kurz, weil die dünnere Haut noch empfindlich, aber irgendwie ist es doch schön, wenn bei einem „schön dich zu sehen“ mit einem Blick in die Augen ein angenehmer Schauer über die Haut fährt.

 

Meine weitere Arbeit und deren Fortschritte hinsichtlich meiner Schreiberei schicke ich euch natürlich weiterhin hier her. Aber ansonsten werde ich mein kleines Exil namens „Leben“ mit meinem Mann, und vielleicht mit dem ein oder anderen ebenfalls Netz-geplagten Menschen, genießen.

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