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To-Do-Listen-Kaffee – Das Ding mit der Zeit

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Zugegeben, das klingt zunächst seltsam, entspringt aber einer ganz wunderbaren Idee, die ich gern aufnehmen möchte. Gelernt habe ich die Bedeutung aufgrund einer überraschenden Wiederbegegnung, mit der ich nach so langer Zeit gar nicht gerechnet hatte.
Und wie es mit derartigen Begegnungen häufig ist, kam sie genau zum rechten Zeitpunkt, denn ich stand nach einem mehr als anstrengenden Jahr da und sinnierte darüber, wie ich das kommende etwas stressfreier und befriedigender gestalten könnte. Die Einen nennen es Zufall, ich bin so frei und behaupte, es war Schicksal.

 

Es begab sich, dass ich auf einer Veranstaltung nach rund 20 Jahren eine alte Schulfreundin wiedertraf. Sie freute sich tatsächlich mich zu sehen, und ich mich ebenso, denn ich muss dazu sagen, dass ich die Wenigsten aus meiner Schulzeit gern wiedergetroffen hätte.
Aber gut, in diesem Fall war es wirklich eine Freude. Entwickelte sich doch unsere damalige Freundschaft durch den gemeinsamen Gedanken, aus Protest anders zu sein als der Rest der so fürchterlich elitären Bagage, in deren Bild wir einfach nicht hineinpassten. Oder sie nicht in unseres, je nachdem aus welchem Blickwinkel man es betrachtete.
Ausgesprochen hatten wir es nie, aber trotzdem verbrachten wir auf diese Weise eine etwas angenehmere Restzeit am Ort des Geschehens, nämlich der unliebsamen Schule nebst „Mitinsassen“. Wir bildeten mit ein, zwei Anderen eine Art Gemeinschaft gegen den Rest der Welt, mit dem wir uns nicht identifizieren konnten.

Als ich die Schule, für Viele überraschend, bereits nach der 12. Klasse verließ (weil ich von dem Haufen einfach die Nase gestrichen voll hatte), verlor sich leider auch unser Kontakt. Und nein, damals gab es noch kein Handy oder Internet, so dass man simpel jeden Tag hätte chatten können. (In meiner ersten Wohnung hatte ich nicht einmal einen Fernseher. Huuuh, gruselig.) Ich stürzte mich also kopfüber in mein Leben und verbrachte eine unglaublich lange Zeit damit, mich und meinen Weg zu finden, neue Freundschaften zu knüpfen und Partnerschaften einzugehen, nur um dann alles wieder über den Haufen zu werfen. Es war einfach nie das Richtige.

Je älter ich wurde, um so weniger gelang es mir, mich dauerhaft in die Gesellschaft einzufügen. Einzig das Gefühl nicht gern allein zu sein hielt mich davon ab, mich zuhause mit Schokolade, Chips und Wein (oder an guten Tagen mit Tee) in meiner Kissenburg zu vergraben und mit mir und dem Leben zu hadern.

Jaja, ich weiß, das klingt nach einem billigen Abklatsch von „Bridget Jones“, aber ich glaube, fast Jeder trägt eine kleine Bridget in sich. Aber keine Sorge, ich habe mich nie dazu hinreißen lassen, volltrunken mit einem Glitzerhaarreif auf dem Kopf „All by myself“ in ein imaginäres Mikro zu singen. Ich glaube, es war „Unbreak my heart“ mit maximal 20 Prozent der Stimmgewalt einer Tony Braxton und einigen Ausfallschritten in Richtung Fernseher.

Ich zog häufig um, wechselte das ein oder andere Mal die Arbeitsstelle, knüpfte erneut Kontakte, brach sie wieder ab und saß zum x-ten Mal daheim und grübelte, was denn mit mir nicht stimmte.

Einige Flaschen Wein und zerbrochene Freundschaften später hatte ich die Nase wieder einmal voll und begann mich intensiv meinen Interessen zu widmen. (Denn seltsamerweise hatte ich davon Einige, ich wusste nur lange Zeit nichts davon. Oder nicht mehr.) Man muss nämlich wissen, dass Alleinsein und Langeweile eine ziemlich blöde Kombination sind. Denn spätestens, wenn aus dem Alleinsein Einsamkeit wird, sollte man entweder wieder in die Welt hinausgehen oder sich einen guten Therapeuten suchen. Da mir beides nicht sonderlich erstrebenswert schien, beschloss ich ein recht einschneidendes Auswahlverfahren vorzunehmen.
Ich beschränkte mich auf einige wenige Kontakte, mit denen ich durchaus auch wochenlang Funkstille haben konnte, ohne dass man sich böse war, und forderte mein Ego heraus sich für eine Weile auf die stille Treppe zu setzen und mich machen zu lassen. Mein kleines Ego schmollte zwar, doch da es immer wieder dafür sorgte, dass ich mich unverstanden und nicht zugehörig fühlte, es aber doch auch so gern Frieden und Harmonie erleben wollte, fügte es sich und wartete neugierig ab.

 

So begann eine recht spannende Zeit für mich, denn ich kam abends nach der Arbeit nach Hause und saß nicht mehr nur trübe vor dem Laptop um die Aktivitäten Anderer in sozialen Netzwerken zu bewundern oder mich an Cliquen zu hängen, deren einziges Ziel es zu sein schien, sich jede Woche in der selben Kneipe oder zuhause volllaufen zu lassen und über das ungerechte Leben oder entlaufene Freunde und Partner zu schimpfen, nein, ich schaffte es tatsächlich mich mit Dingen zu beschäftigen, die ich mir entweder nie zugetraut hatte, oder für die sich meiner Meinung nach Niemand interessiert hatte. Oder ich hatte vor lauter Leben einfach keine Zeit dafür gehabt.

Denn warum tut man Dinge, die nicht beruflicher Natur oder anderweitig verpflichtend sind? Um Anerkennung zu bekommen? Um die Zeit tot zu schlagen? Weil Einem gerade nichts Besseres einfällt, außer mit einem Schraubendreher die noch verbliebene Flasche Wein zu killen, die eigentlich für einen besonderen Anlass gedacht war? Nun ja, das sind sicherlich in der ein oder anderen Lebensphase gute Gründe. Und nachvollziehbar dazu, denn wer kennt das nicht?
Aber eigentlich tut man Dinge, weil sie Freude bereiten. Oder weil man neugierig ist. Weil man sich selbst besser kennenlernen und Fähigkeiten erlernen oder weiterentwickeln möchte. Weil man neugierig auf andere Menschen und deren Gedanken ist. Oder weil man ganz schlicht wieder etwas genießen möchte. Und sei es nur ein entspannter Nachmittag mit einem netten Menschen und einem angenehmen Gespräch bei einem guten Kaffee. Dummerweise schieben wir aber immer wieder etwas auf, weil wir vor lauter wichtiger Dinge keine Zeit dafür haben.
(Und wenn wir noch ein kleines bisschen ehrlicher werden, wissen wir manchmal auch gar nicht so recht, was wir eigentlich wollen.)

Aber damit sind wir nun bei dem eigentlichen Punkt angekommen. Zeit.

Zeit ist toll. Gut, manchmal auch nervig, wenn wir in den Spiegel schauen und feststellen, dass es allmählich sichtbar wird wie alt wir sind. Aber darum geht es nicht. Zeit ist einfach das wertvollste, aber mittlerweile auch seltenste Gut. Man fühlt sich gut, wenn man Zeit hat, und das kommt heutzutage selten genug vor.
Wir stehen jeden Morgen mühevoll auf, gehen zur Arbeit oder versorgen Kind und Kegel, hetzen zum Einkaufen, versuchen angestrengt, die Staubschicht auf den Möbeln nicht höher als zwei Zentimeter werden zu lassen (wobei wissenschaftlich belegt ist, dass Staub nie höher wird, da er dann in sich zusammenfällt. Physik und so.) und bemühen uns darum, mal mehr und mal weniger erfolgreich, uns ausreichend gesund zu ernähren. Die ganz Wilden unter uns treiben sogar Sport. (Zumindest habe ich davon gehört.) Spätestens für den Urlaub nehmen wir uns schlussendlich all die Dinge vor, für die wir sonst keine Zeit haben. Und danach fühlen wir uns miserabel, weil unser innerer Schweinehund lieber auf der faulen Haut lag anstatt uns bei der Erledigung unserer Vorhaben zu helfen.

Ganz nebenbei pflegen wir auch noch pflichtbewusst unsere sozialen Kontakte, damit wir nicht allzu eigenbrödlerisch werden und von anderen Mitmenschen als wunderliche Einsiedler angesehen werden. Das sind wir schließlich gar nicht. Oder doch? Aber Kontakte sind wichtig. Auch, wenn sie uns manchmal eher wie eine Last vorkommen, weil wir doch schließlich so sehr im Zeitdruck mit unserem Leben sind. Doch wir bleiben dran. Pflichtschuldig. Nicht immer, aber doch oft genug um ein schlechtes Gewissen dem Menschen gegenüber zu haben, dem wir gerade einzig aus dem Grund heraus gegenübersitzen, weil man sich doch so selten sieht. Selbst, wenn wir gerade überhaupt nicht die Nerven dazu haben uns dessen Sorgen anzuhören oder gar unsere eigenen zu erzählen.

Sind wir mal ehrlich, gut in die Gesellschaft integriert zu sein und sich und das Heim vorzeigen zu können ist oft und lange der absolute Knotenpunkt, um den sich alles zu drehen scheint. Und es ist anstrengend. Für mich jedenfalls, denn dieses zwanghafte „Schein wahren“ ging mir in meiner Familie schon auf die Nerven. Es war ein Unding nicht den Normen zu entsprechen. Was allerdings im Inneren vor sich ging, hatte gefälligst auch da zu bleiben und ging Niemanden etwas an.

 

Wie dem auch sei, all das tun wir schnell. Schließlich möchten wir noch Freizeit haben für… ja, was eigentlich? Für die Dinge, die wir nie tun oder nur halbherzig. Denn wenn wir sie tun, geht uns immerhin Zeit für Anderes verloren. Aber für was? Ach, warte… richtig. Das Leben. Und für uns. Denn wie oft geschieht es, dass aus Aktivitäten plötzlich eine unkontrollierbare Eigendynamik hervorgeht, die Einen am Ende überrollt. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem man sich fragt, ob man das Alles so überhaupt will, oder warum man etwas noch tut. Ist das Ganze sinnvoll? Will ICH das, oder tue ich es nur, weil ich es immer tue oder Andere etwas von mir erwarten? Warum bin ich so frustriert, wo ich doch alles habe oder tun kann? Ach, kann ich ja gar nicht, weil ich die und die und die Verpflichtung habe. Und warum tue ich dann nicht etwas Anderes? (Beziehungsweise, wie komme ich aus dem Hamsterrad um etwas Anderes tun zu können?)

 

Ach herrjeh, spätestens bei diesen Fragen sitzen wir schon im tiefsten Schlamassel. Irgendwas scheint im Leben schiefgelaufen zu sein. So kam es mir jedenfalls vor.
Ich saß da, wurstelte gedankenverloren herum und merkte, dass ich tatsächlich alles nur halb machte. Ich hatte mir zwar mehr Zeit für mich und meine Interessen genommen, hatte aber scheinbar immer noch ständig das Gefühl, dass mir die Zeit davonlief oder ich irgendetwas oder irgendwem nicht entsprach. Ich sah mich in meiner Wohnung um, in der es zwischen Bastel-, Mal- und Musikkram immerhin noch verstaubte Laufwege zu den einzelnen Zimmern gab, hatte aber unzählige Dinge zugunsten von etwas anderem brachliegen lassen. Es war zum Mäuse melken.

In dem Bestreben, endlich all das zu tun, was ich schon immer tun wollte, hatte ich mich selbst derart gehetzt, dass mir der ganze Spaß daran verloren gegangen war. Und da mir, auch nach all den Jahren, noch immer die Worte meiner Familie im Kopf nachhallten, dass ich nie etwas zu ende brachte, fühlte ich mich elend und unfähig.

Und meine Kontakte? Tja, sagen wir mal, ich hatte durch mein eigenes Zutun wieder einmal dafür gesorgt, dass sich Einige entfernt hatten. Verständlicherweise, denn wer wartet schon gern monatelang darauf, dass sich Jemand kurz aus seiner Einsiedlerhöhle traut um festzustellen, dass es eine Welt außerhalb gibt? Sagen wir mal, die Zielgruppe ist doch recht klein.
Ich stellte mir zwangsläufig die Frage, ob mir die verlorengegangenen Kontakte nun wirklich fehlten, oder ob ich nur versucht hatte Ansprüchen gerecht zu werden. Oder hatte ich nur nicht allein sein wollen? Was dachten die Anderen nur über mich, wenn ich so verquer vor mich hinlebte?

Ich wusste es nicht, aber ich hatte tief im Inneren auch das Gefühl, dass ich es gar nicht herausfinden wollte. Die vermeintliche Sicht Anderer auf einen selbst ist häufig nur ein selbstgestricktes Hirngespinst, aber in dem Moment sieht es aus wie ein in Stein gemeißeltes Gesetz: „Ich bin allein, weil ich schräg und egoistisch bin und keine Freundschaften pflegen kann.“ Ein nicht nur dummer, sondern auch zerstörerischer Gedanke. Also, weg damit. Und dann mal schauen, wer sich noch im Dunstkreis aufhält und überraschenderweise positiv auf ein Lebenszeichen reagiert.

 

Aber zurück zum Thema Zeit. (Ihr seht, in meinem Kopf schwirren, neben dem berühmten roten Faden, noch einige andere Fäden herum, die ich zu verknüpfen versuche. Klappt halt nicht immer.)
Was also tun bei all dem Überangebot, der Hektik, den vollen Terminplänen und Verpflichtungen? Wie soll man entscheiden, wofür man sich Zeit nimmt, oder was gerade wichtig ist? (Man darf durchaus auch einmal die Frage stellen, für wen es wichtig ist.)
Im Grunde ist es ganz einfach. Und diese simple Lösung bekam ich nun nach so vielen verwirrenden und nicht zufriedenstellenden Jahren meines Lebens von meiner alten Schulfreundin bei einem gemütlichen Kaffee liebevoll und selbstironisch um die Ohren gehauen. Für den Kaffee hatten wir uns sogar recht spontan einfach Zeit genommen, und ich war freudig überrascht, dass es nicht bei der üblichen „Wir bleiben in Kontakt“-Floskel geblieben war.

Sie sagte mir, sie habe sich für den vergangenen Monat eine „To-do-Liste“ mit Dingen erstellt, die sie gern tun wollte. Das mag seltsam erscheinen, weil es zunächst wie eine Art Verpflichtung aussieht, aber sie erklärte mir auch, dass es dabei helfe herauszufinden, was man eigentlich gern möchte. Und es sei befriedigend, wenn man nacheinander den Haken dahinter setzen kann, weil man sich genau dafür gerade bewusst Zeit genommen hat und es nicht wieder nebenbei bis gar nicht tut. Zudem erlebe man die Dinge bewusster, weil man genau diese auch innerhalb eines absehbaren Zeitraums vorhatte und nicht das Gefühl bekommt sich Zeit zu stehlen oder etwas Anderes dafür liegenzulassen.

Es ist für den Ein oder Anderen vielleicht nicht verständlich, dass es Menschen gibt, denen solch eine Liste hilft, aber ich für meinen Teil empfinde es als gute Gelegenheit mir selbst die Frage zu stellen, was ich will.

Meine Güte, wie oft habe ich Zeit damit vertrödelt zu entscheiden, worauf ich mal wieder Lust hätte? Oder was mir gerade guttut? Gerade, wenn man viele Interessen hat oder beruflich stark eingebunden und abends erschöpft ist, ist das manchmal die reinste Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

Ich habe zum Beispiel festgestellt, dass ich seit der Existenz legaler Streamingdienste noch nie so oft überlegt habe, was ich mir wirklich gern anschauen möchte. Erst gestern Abend habe ich ungefähr eine halbe Stunde lang herumgesucht. So geht es mir ständig. Aber die Dinge, die ich eigentlich schon lange mal wieder tun wollte, fallen mir in dem Augenblick, in dem ich Zeit hätte, einfach nicht ein. Es ist wie mit Musiktiteln. Man weiß noch ungefähr, wie das Stück ging, aber man kommt nicht drauf. Furchtbare Sache.

 

Was ich noch aus diesem wunderbar erfrischenden Treffen mitnehmen konnte, obwohl ich den Gedanken selbst schon lange mit mir herumtrage und mich nur nicht immer traue ihn wirklich zu leben: „Es ist wurscht, was Andere denken.“ Und dieses „es ist wurscht“ kam aus ihrem Mund so herrlich aus tiefstem Herzen, dass es mich zumindest ein wenig darin bestärkt hat, mit meinem Denken doch recht okay zu sein.

 

Mir sind Menschen nicht egal, im Gegenteil. Ich mag Menschen. Aber was ich nicht mag, sind Kontakte, die ohne Sinn und Verstand gehalten werden, obwohl man sich nichts mehr zu sagen hat. Im schlimmsten Fall hatte man sich nie etwas zu sagen und war nur zu feige das auch zu erkennen und auszusprechen. Was würde der Andere dann nur denken? Siehste, da war es wieder.

Wir leben heute in einer multimedialen Welt, und es war nie einfacher in Verbindung zu bleiben als heute. Aber dennoch war es selten schwerer Freundschaften zu finden und zu halten. Es ist so einfach geworden, dass die Wertschätzung meistens still und leise verloren geht. Mit jeder „Copy-Paste-ich-denke-an-dich“-Nachricht, die man (wie die Bezeichnung schon sagt) nicht einmal selbst formuliert hat. Ja, danke, ich finde es auch toll, dass du an mich denkst, aber kannst du bitte wenigstens den Verfasser der Internetseite aus dem Text löschen? Das macht es etwas glaubwürdiger.

 

Oft sitzt man noch als Karteileiche in irgendeiner Freundesliste, und vielleicht hat der Ein oder Andere auch schon überlegt, ob man sich nicht wieder einmal melden sollte. Warum man es letztlich nicht tut, kann wahrscheinlich Niemand wirklich sagen. Auch ich nicht. Vielleicht, weil man Sorge hat Zeit zu verlieren, wenn der Kontakt doch nicht so befriedigend ist, wie man es sich erhofft hat. Oder weil die Person nicht in den engeren Freundeskreis passt (was man meistens gar nicht herausfindet, weil man es nie probiert). Was würden nur die Anderen denken, wenn man mit dieser seltsamen Person in Kontakt ist? Schräg, oder? Oder habt ihr immer den Arsch in der Hose zu einem Menschen zu stehen, egal, was eure engsten Freunde darüber denken? (Was sind enge Freunde, wenn man sich darüber Sorgen machen muss? Böse Frage, ich weiß…)

Wenn man erkennen und zugeben würde, dass man eigentlich gar kein Interesse am Anderen hat, wäre das ja verletzend. Wahrscheinlich ist es das auch. Aber mir ist es so doch wesentlich lieber, als dass ich nur ein Name bin, dem der Freundeslisteninhaber nur aufgrund einer Kalendernachricht zum Geburtstag gratulieren würde. Oder bei dem man ernsthaft überlegen muss, wie Derjenige mit richtigem Namen heißt. Wohnt der oder die überhaupt noch in derselben Stadt? Welche Interessen hat dieser Name da eigentlich? Was verbindet uns? Wer ist das überhaupt?? Klick…Freundschaft gelöscht. Es ist ganz einfach, viel zu einfach.

 

Ich habe keine Ahnung, wie oft ich diesen Text während des Schreibens immer wieder durchgelesen und verändert habe. Aber da ich bereits seit einigen Stunden daran sitze, habe ich mir eine Menge Gedanken darüber gemacht.

Den Denkanstoß meiner Schulfreundin habe ich scheinbar dringend benötigt. Daher an dieser Stelle erst einmal danke dafür. Unsere nächste Zeit haben wir auch bereits ins Auge gefasst, da wir offensichtlich doch mehr gemeinsam haben als nur die selbe Schulklasse und die herrliche Abneigung gegenüber einiger Individuen. Das nach zwei Jahrzehnten der Abwesenheit festzustellen ist mehr als erfreulich. Ob wir aufgrund der langen Zeit etwas verloren haben? Zeit vielleicht? Den Bezug zueinander? Nein, ich denke nicht. Ich glaube, dass wir uns nur genau zur richtigen Zeit wiedergetroffen haben. Ich freue mich ehrlich darüber, weil ich mit meiner heutigen Lebenserfahrung erkennen kann einen sehr spannenden Menschen wiederentdeckt zu haben. Zu meiner Teenagerzeit, in der ich nicht Fisch und nicht Fleisch war, war ich dazu nicht in der Lage. Umso schöner, diese zweite Chance zu erhalten.

 

Die Quintessenz aus all dem (falls Jemand bis hierher gelesen hat, Hut ab und Danke für das ehrliche Interesse an meinen Gedanken) ist: Ich möchte meine Zeit im kommenden Jahr für mich und die Menschen, die mich begleiten, wertvoller gestalten.
Ich werde mich wirklich einmal mit dieser „To-Do-Liste“ auseinandersetzen und in mich hineinhören. Möglicherweise wird daraufhin das ein oder andere „Klick“ erfolgen. Vielleicht klingelt aber auch bei dem Ein oder Anderen überraschend nach langer Zeit das Telefon. Bitte nicht erschrecken, das sind die Dinger, die dazu gedacht sind miteinander zu sprechen ohne im selben Raum zu sein. Also nicht wundern, wenn keine Smileys durch den Hörer kommen. Du musst auch nicht auf den blauen Haken warten um zu wissen, dass ich deine Antwort gehört habe. Ich weiß, das wird gewöhnungsbedürftig, aber das Risiko ist es wert, denke ich.

Vielleicht stehe ich auch vor deiner Tür und frage, ob du Zeit für einen Kaffee hast. (Eventuell muss ich vorher nach deiner Adresse fragen, weil ich ebenso Opfer der Internet-Anonymität geworden bin wie du.) Wenn du keine Zeit (oder keine Lust) hast, darfst du das auch direkt sagen. Du musst nicht bangend darauf hoffen, dass es ausreicht das blinkende Handy mit meiner Anfrage zu ignorieren.

Vielleicht nehme ich mir aber auch trotzdem weiterhin meine Auszeiten, in denen ich nicht ansprechbar bin. Du darfst es trotzdem versuchen, denn manchmal weiß ich gar nicht so recht, dass ich etwas Gesellschaft vermisse. Oder wen. So ist das bei Menschen wie mir. Vielleicht ist es bei dir auch so, und du wusstest bisher nur nicht, dass das okay für mich ist. Dass es für mich sogar okay ist, wenn du nach einem Jahr oder länger plötzlich den Wunsch hast Zeit mit mir zu verbringen. Aber ich weiß auch, dass es immer schwieriger wird den Kontakt aufzunehmen, je länger die Pause ist. Irgendwann glaubt man, den richtigen Zeitpunkt verpasst zu haben. Aber spätestens jetzt solltest du gemerkt haben, dass es sogar nach zwanzig Jahren funktionieren kann ohne sich groß rechtfertigen zu müssen. Manchmal braucht es die Zeit einfach.

 

Erst kürzlich wurden mein Mann und ich von einem bekannten Pärchen mit einem Besuch überrascht. Es klingelte am Tag vor Heilig Abend an der Tür, und die beiden kamen extra bis in die zweite Etage gelaufen um uns zu fragen, ob wir abends noch mit ihnen ausgehen wollen. Das war ein total tolles Gefühl. Wir haben es tatsächlich auch umgesetzt und hatten einen wirklich lustigen und kurzweiligen Abend miteinander. Dabei hatte der Kontakt quasi ganz sporadisch begonnen. Aber wir waren uns sympathisch und haben ganz schlicht den Mut gehabt uns auf das freundschaftliche Pflaster zu wagen. Ohne vorher nachzusehen, ob sie auch immer brav unsere Beiträge liken, um somit sicherzugehen, dass sie uns wirklich mögen. Verrückt, oder? Das ist schon fast Leben am Limit, alter Schwede.
Es erinnerte mich ein wenig an meine Kindheit, als wir noch unbefangen in der Nachbarschaft herumgelaufen sind und einfach geklingelt haben mit der Frage: „Darf die/ der xy zum Spielen rauskommen?“ Das war toll, oder?

 

 

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