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Der Papierflieger

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In einer großen, lauten Stadt lag irgendwo am Straßenrand ein Papierflieger. Menschen gingen vorbei, beschäftigt mit ihren Gedanken und auf dem Weg zum Einkaufen, zum Friseur, oder zur Arbeit. Niemand nahm den Papierflieger wahr.

Ab und zu wehte ihn der Wind ein Stückchen weiter, aber es war nie genug, damit er sich in die Luft erheben konnte.

Zum Glück regnete es nicht, so dass nur ein wenig Staub an ihm haften blieb. Und ein winziger Knick in seinem rechten Flügel war vorhanden, von der recht unsanften Landung auf der Straße.

Vorher war er geflogen. Hoch in die Luft, mit Kreisen und Sturzflügen. Getragen vom Wind glitt er dahin. Da war er frei gewesen und tat, wozu er gemacht worden war. Aber der Flug war nur kurz gewesen, und nun lag er dort.

 

Aber wie man so schön sagt ist Papier geduldig. Das gilt auch für Papierflieger. Und so wartete er ab, bis ihn Jemand finden sollte und beobachtete das Treiben um sich herum. Wie Autos vorbei fuhren und die Fahrer sich böse anhupten, wie Jemand hastig hinter dem Bus herlief, oder wie ein frisch verliebtes Pärchen eng umschlungen in das kleine Café an der Ecke ging, um sich dort gemütlich hinzusetzen.

Nachts wurde es stiller. Es ging nur selten Jemand vorbei, und wenn doch, wurde der Flieger trotzdem übersehen, weil der Schatten des Bordsteins auf ihn fiel und der Mond seine weiße Oberfläche nicht zum Leuchten bringen konnte.

 

Eines Tages lief ein Junge mit seiner Mutter die Straße entlang. Die Mutter hatte es sehr eilig und trieb den Jungen an, damit er nicht trödelte. Doch der Junge entdeckte plötzlich den Papierflieger und rannte jauchzend darauf zu. Er hob ihn auf und hielt ihn in der Hand, um damit umher zu rennen. Dabei machte er laute und bemühte Flugzeuggeräusche nach und beschrieb mit dem Flieger wilde Kreise und Achten, drehte sich im Kreis und lachte.

Die Mutter mahnte ihn weiterzugehen. Er solle den Papierflieger doch liegenlassen. Sicher sei er fürchterlich dreckig, und sie könnten zuhause einen neuen Flieger basteln. Auf der Straße sei es sowieso viel zu gefährlich um damit zu spielen. Der Junge schaute sich den Flieger noch einmal an und warf ihn dann schweren Herzens in die Luft.

Der Wind erfasste den Papierflieger und trug ihn hoch hinaus, wirbelte ihn durch die Luft und wehte ihn bis fast an den Stadtrand. Dort flaute die Brise ab, und der Flieger trudelte langsam Richtung Erde. Er mühte sich ab noch etwas länger in der Luft zu bleiben, denn er hatte das Fliegen vermisst. Das Gefühl unter seinen Tragflächen, wenn der Wind sanft darunter her strich und ihn stetig trug.

Auf einer Wiese landete er schließlich. Ganz in der Nähe einer Parkbank.

Dort saß ein Mann mit einem Hund und las Zeitung. Der Hund sah, wie der Papierflieger heruntersank und ein paar Meter entfernt auf dem weichen Gras landete.

Der Hund wedelte aufgeregt mit dem Schwanz und zerrte an seiner Leine. Er wollte sich dieses seltsame Ding unbedingt anschauen. Wer weiß, wenn man es anstupste lief es vielleicht weg, und er konnte es ein bisschen jagen? Der Hund jaulte herausfordernd und zog immer mehr an der Leine. Der Mann sah von seiner Zeitung auf, wusste jedoch nicht, was der Hund hatte. Nun ja, ein bisschen Auslauf konnte ihm ja nicht schaden, und er könnte in Ruhe weiterlesen. Also ließ er den Hund von der Leine, der gleich darauf auf den Flieger zulief.

Der Flieger aber war sich ziemlich sicher, dass dies keine besonders gute Situation für ihn war, denn er sah die Zähne und die nasse Zunge des Hundes, der hechelnd auf ihn zulief. Er streckte sich und versuchte seine Tragflächen irgendwie in den Wind zu halten, und siehe da, der Wind war gnädig und trug ihn ein Stück weiter.

Dem Hund gefiel das außerordentlich gut, denn das war ein Spiel nach seinem Geschmack. Dinge jagen. Er wollte den Flieger nicht kaputtmachen, ganz und gar nicht. Er wusste ja nicht, dass Papier nicht sehr gut geeignet ist um in einem Hundemaul herumgetragen zu werden.

 

Als der Hund bereits fast da war und nach dem Papierflieger schnappen wollte, griff plötzlich eine große Hand dazwischen und nahm den Flieger behutsam hoch. Der Hund schaute enttäuscht nach oben, aber er kam nicht mehr an den Flieger heran. Also trollte er sich missmutig und lief zurück zu seinem Herrchen.

Der Mann jedoch, der den Flieger aufgehoben hatte, schaute sich diesen genau an. Er sah den kleinen Knick im Flügel und glättete ihn. Dann zog er mit festen Strichen die Falten nach, um dem Flieger wieder zu seiner alten Form zu verhelfen und warf ihn in den Wind. Er schaute dem Papierflieger nach, wie er davonsegelte. Und der Flieger bedankte sich mit einem kleinen freudigen Looping für die Hilfe. Der Mann tippte sich an den Hut und ging seines Weges.

Der Flieger tat was er sollte und flog. Er flog über die Wiese hinweg, über die Parkbesucher mit ihren spielenden Kindern, schlug einen Haken, als ihm ein Baum in die Quere kam und segelte bis zu einem Haus, das, umgeben von einem wilden Garten, etwas abseits vom Park stand.

Das Haus war etwas verwittert, und der Putz blätterte ab. Einige Fensterläden waren schief, und auf dem Dach fehlte der ein oder andere Ziegel. Im Garten stand das Gras kniehoch, und Wildblumen hatten sich farbenprächtig überall ausgebreitet. Bienen und Schmetterlinge summten von Blüte zu Blüte, und in den Zweigen eines alten knorrigen Kirschbaumes saß ein Rotkehlchen und zwitscherte fröhlich.

 

Der Papierflieger war überwältigt von diesem Anblick und segelte etwas weiter nach unten um sich besser umsehen zu können. Aber ach, in einem unbedachten Moment verfehlte er die Brise, die ihn die ganze Zeit getragen hatte, landete in einem Rosenbusch und verfing sich in den Dornen. Die Dornen piekten und drohten ihm seine Tragflächen zu zerreißen, also blieb ihm nichts Anderes übrig als still zu halten und darauf zu hoffen, dass der Wind ihm aus seiner misslichen Lage helfen würde.

Aber nichts geschah. Es wurde dunkel, und aus dem Gras stieg Feuchtigkeit nach oben, die dem Flieger arg zu schaffen machte. Er ließ die schwer gewordenen Flügel hängen, die bereits wellig wurden.

Am nächsten Morgen ging die Sonne mit warmen Strahlen auf und weckte den Papierflieger. Der aber sah fürchterlich mitgenommen aus von der kalten Nacht und den Dornen. Mittlerweile hatten auch Ameisen ihn entdeckt und begannen hier und da an ihm zu knabbern. Und er konnte nichts dagegen tun. Die Sonne trocknete ihn, aber die Wellen in seinen Tragflächen blieben. Zu lange war er der Feuchtigkeit ausgesetzt gewesen. Es war ein jämmerlicher Anblick.

 

Einige Zeit später öffnete sich mit einem Knarren die Tür des Hauses, und eine alte Frau betrat den Garten. Sie trug einfache, alte Kleidung und ging leicht gebeugt. Sie war schlank und hatte silbergraues Haar, das sie feinsäuberlich zu einem Knoten aufgesteckt hatte. Zwar fiel ihr das mittlerweile schwer, weil sie die Gicht in den Fingern immer häufiger plagte, aber sie bemühte sich. Nur die Gartenarbeit war für sie kaum noch zu bewältigen, und nur selten gelang es ihr mit der Rosenschere ein paar Zweige zu stutzen um dem Wildwuchs Einhalt zu gebieten.

Es gab sonst Niemanden mehr, der ihr hätte helfen können. Ihr Mann war bereits vor Jahren verstorben, und ihr einziger Sohn war seiner großen Liebe ins Ausland gefolgt. Ab und an bekam sie einen Brief von ihm, in dem er Neuigkeiten berichtete und sich nach ihr erkundigte. Aber sonst bewältigte sie ihren Alltag allein.

Für heute hatte sie sich vorgenommen ein wenig im Garten zu arbeiten. Es war ein guter Tag, denn ihre Finger schmerzten nur wenig, und auch der Rücken tat nicht so weh wie sonst.

 

Und so kam es, dass sie beim Rosenstrauch mit seinen großen, dunkelroten und süß duftenden Blüten den Papierflieger bemerkte. Sie schüttelte bedauernd den Kopf über seinen Zustand und wollte ihn befreien. Doch er hing so fest zwischen den Dornen, dass sie ihn mit bloßen Fingern nicht herausbekam.

Kurzerhand nahm sie ihre Rosenschere und begann mit zittrigen Fingern ein paar Zweige abzuschneiden. Einen nach dem Anderen. Ein paar Dornen stachen ihr in die Hände, doch sie ließ sich nicht beirren. Sie erinnerte sich an ihren Jungen, als er noch klein gewesen war und mit eben solch einem Flieger durch den Garten getollt war. Er war so glücklich gewesen, wenn sein selbst gebastelter Flieger hoch durch die Luft flog. Und sie hatte Diesen mehr als einmal aus einem Baum oder einem Strauch gefischt, wenn ihr kleiner Junge weinend davor stand, weil er selbst nicht dran kam.

 

Allein dieser Erinnerung wegen schnitt sie beharrlich weiter, bis sie schließlich an den Papierflieger herankam und ihn herausziehen konnte. Der Flieger wunderte sich über die Mühe, die die alte Frau sich für ihn gab. Er war doch nur ein Papierflieger und völlig unansehnlich. Es war fraglich, ob er jemals wieder würde fliegen können. Aber als er die kleine Träne in den Augen der Frau und das leise Lächeln um ihren Mund herum sah, wusste er, dass sie etwas Besonderes in ihm sah. Und in diesem Moment erinnerte auch er sich.

An den Tag, an dem er gebastelt worden war. Von einem alten Mann, der oft tagelang in seiner kleinen Wohnung saß und schrieb. Der Mann war Schriftsteller gewesen und hatte viele Bücher veröffentlicht, doch seine besten Jahre und Erfolge waren lange vorbei. Sein Augenlicht wurde nicht besser, und ihn plagten einige Alterserscheinungen.

Dieser alte Mann hatte an diesem Tag einen Brief geschrieben. Oder besser gesagt eine Anzeige.

Er war bereits seit Jahren verwitwet und fühlte sich oft allein. Und da er nur ungern hinunter in die Stadt ging, weil ihm der Lärm und die Hektik oft zu viel waren, lernte er Niemanden kennen, der ihm Gesellschaft leistete. Und das fehlte ihm, denn früher war er gern unterwegs gewesen, hatte getanzt, stundenlange Gespräche geführt und lange Spaziergänge genossen. Jetzt war es damit vorbei, und er vermisste ein Gegenüber, mit dem er sich austauschen und lachen oder auch einfach nur schweigen konnte.

 

Eines Tages nahm er all seinen Mut zusammen und schrieb eine Suchanzeige. Er wollte sie an das kleine Wochenblatt im Ort schicken, um vielleicht doch noch Jemanden zu finden. Aber dann verließ ihn der Mut, und er legte das Blatt Papier beiseite.

Am nächsten Morgen nahm er das Blatt, las die Anzeige noch einmal durch und schüttelte über diese irrsinnige Idee den Kopf. Er faltete das Blatt, immer wieder, immer weiter, bis daraus ein Papierflieger geworden war. Er ging ans Fenster und warf den Flieger hinaus. Wenn es ihm vergönnt sein sollte, dann würde ihn schon Jemand finden. Aber der Flieger landete mitten in der großen Stadt und blieb am Straßenrand liegen. Der Mann schloss schweren Herzens das Fenster und setzte sich in seinen Sessel. Es hatte keinen Zweck.

 

Als der Papierflieger sich an diesen Tag erinnerte und die schwachen, aber warmen, alten Hände der Frau spürte, gab er sich einen Ruck und streckte sich. Er drehte sich verzweifelt hin und her, wie es ein Papierflieger nun mal nur in geringem Maße kann, aber dann schaffte er es doch sich so weit zu strecken, dass ein wenig Schrift sichtbar wurde.

Die alte Frau schaute auf den Flieger und entdeckte die Buchstaben. Sie zog verwundert eine Augenbraue hoch und faltete vorsichtig das Papier auseinander. Sie strich das Blatt zurecht und zog ihre Lesebrille aus der Tasche ihrer Strickjacke.

Dann las sie Folgendes:

 

„Meine liebe Fremde, ich bin ein alter Mann, der bereits ein erfülltes Leben hinter sich hat. Ich habe nichts verpasst und habe Alles erlebt, was man sich nur wünschen kann. Ich bereue nichts, und ich würde Alles noch einmal tun. Ganz genauso, wie ich es tat.

Aber es gibt Momente, in denen ich feststelle, dass mir ein paar Dinge abhanden gekommen sind, die mir sehr fehlen.

Das nachsichtige Lächeln über eine meiner vielen trotteligen Taten, oder wenn ich wieder einmal etwas suche und ganz verrückt werde, oder wenn ich gedankenlos mit den Fingern auf dem Tisch herumtrommle, weil der Kopf einfach nicht schweigen will.

Der wissende Blick, wenn ich verzweifelt den x-ten Versuch eines neuen Buches in den Papierkorb werfe und murrend im Zimmer auf und ab gehe.

Die sanfte Hand, die die Meine hält und mich daran erinnert, dass Jemand an meiner Seite ist, der meine Macken erträgt ohne mir böse zu sein, weil ich es nicht böse meine.

Und die Momente innigen Schweigens, in denen es keiner Worte bedarf um sich zu erkennen.

Liebe Fremde, wenn du nun lächelst, dann fasse dir ein Herz und hilf einem alten Starrkopf dabei diese Dinge wiederzufinden. Es erwartet dich sicherlich kein Paradies, aber doch der Wille dir dieses Lächeln immer wieder ins Gesicht zu zaubern.“

 

Die alte Frau las den Text bis zum Ende, wo ein Name und eine Telefonnummer standen… und lächelte. Dann nahm sie das Blatt Papier und ging, immer noch lächelnd, ins Haus zurück und zu ihrem Telefon.

 

 

 

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